Text: Volker Remy / Foto: GNU Free Documentation License
Es gibt inzwischen viele Leute mit einfachen Konzeptideen, dass man sich schon doof vorkommt, wenn man seinen Kaffee mit dem Mund trinkt.
Ein kleiner Ausflug in die Kreativ-U-Bahnen Berlins genügt, um sich von der Vielfalt raffinierter Drehungen und Wendungen im Ideenfahrplan zu überzeugen. Menschen, die mit wachen Augen und Ohren unterwegs sind, witzeln über die drögen Werbetrends unserer Zeit, und bringen, in dem sie sie in ihre Einzelteile zerlegen, neue Sprach- und Wortbilder hervor.
Das ist zurzeit der spannenste Sport im werblichen Underground: die Werbegegenwart zerreißen, und aus dem Papier neue Drachen bauen. Andere Methoden setzen auf den Auftauschock bei tiefgefrorenen Konsumgewohnheiten.
Ein Schauspiel: Die kleine weiße Bude vor einem Supermarkt, deren Betreiberin Quarkbällchen verkauft. Es sind kleine Teigbälle, die in einer Friteuse gebruzzelt und anschließend mit ein bisschen Puderzucker bestreut werden. Drei Stück für einszfünfzig. Die Frau steht sich dort von 8 Uhr morgens bis abends 19 Uhr die Füße platt. Am besten läuft das Geschäft vormittags zwischen zehn und zwölf, noch besser dann nachmittags zwischen 14 und 17 Uhr zur Kaffeepausenzeit in den umliegenden Büros. Die Kunden wohnen alle im Kiez, man kennt die Bude - aber wer kennt das Produkt aus eigener Verdauung?
Mitarbeiter einer Werbeagentur um die Ecke zählen zu Juttas Stammkunden. Denen klagte sie letztens ihr Leid. Zu wenig Absatz, kein Geld für Werbung. Am Kaffeetisch der Agentur wurde das dann Thema. So ganz nebenbei besprachen vier Mitarbeiter das Problem mit vollem Mund und einer heissen Tasse. Man entdeckte dabei auch, dass man beim Verzehr dieser Süßigkeit so richtig ins Quatschen kam. Nach und nach gesellten sich die anderen Werber dazu, und dreißig Minuten später stand fest: 'Juttas Quarkbällchen bringen wir groß raus.'
Die Mechanik des Ad-Hoc-Konzepts funktioniert denkbar einfach: An drei aufeinander folgenden Tagen gingen sieben Mitarbeiter der Agentur auf dem etwa 150 Meter langen Gehsteig rechts und links der Quarkbällchenbude spazieren. Und jeder hatte dabei ein Quarkbällchen im Mund. Man schaute Passanten in die Augen und grüßte freundlich. Zwei junge Frauen hatten eine Packung Puderzucker zur Hand und schrieben mit dem Pulver das Wort "Quarkbällchen" auf den Gehweg, versehen mit einem Richtungspfeil, der in Richtung Point-of-Purchase zeigte.
Dort an der Bude hatten die Agenturleute zuvor drei Pappen mit aufgeklebten Gesichtern im Originalmaßstab angebracht. In den Mündern steckte jeweils ein original Quarkbällchen. Die Fotos waren mal eben rasch mit der Digitalkamera in der Agentur erstellt worden. Daraus wurde wenig später ein Logo, das Juttas Quarkbällchenbude seither schmückt.
Das machen Kreative so ganz nebenbei. Es zeigt Leidenschaft für den Beruf, Lösungsorientierung im Schnelldurchgang und zur Überraschung aller eine Umsatzsteiergung um fast ein Drittel. Natürlich kann die Personenpromotion auf Gratisbasis keine Dauereinrichtung bleiben. Aber seit der Aktion investiert Jutta regelmäßig drei Euro in der Woche für zwei Päckchen Puderzucker. Jeden Nachmittag, wenn es nicht regnet, ist in großen Lettern das Wort 'Quatschbällchen' auf dem Gehweg zu lesen. Das war der letzte Ratschlag der verquatschten Kreativen: "Jutta, nenn die Bällchen anders, nenn' sie Quatschbällchen." Schließlich muss dem Produkt ziemlich schnell eine menschliche Dimension hinzugefügt werden, sonst wird das nix. Gesagt, getan.
Ist das ein Konzept, das verkauft? Ja, und: nachweislich. Es geht nicht um Millionen, es geht um den Erfolg. Alles andere wird dann schon von alleine wahrscheinlicher.